Die gotische Wand im Schrot-Kontor

Letzten Freitag hatten wir einen Vor-Ort-Termin mit dem Denkmalschutz. Im Grunde nichts, was uns unangenehm wäre, denn das, was der Denkmalschutz will – eine historisch begründbare Wiederherstellung, die Verwendung traditioneller Materialien, einen Bezug zum städtischen Gesamtbild – das wollen wir auch. Und dafür, dass wir das nun schon 40 Jahre leerstehende (!) Haus in der Mauerstraße vor dem Verfall retten und zu einem innerstädtischen Kleinod machen, haben wir uns doch seitens des Denkmalschutzes und der Stadt einen dicken Knutscher verdient, oder?

Die Stimmung war trotzdem eher, ähm… verhandlungsartig. Denn unsere Farbvorstellungen stoßen beim Denkmalschutz auf Ungnade. Das Haus, so wird argumentiert, stamme aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und da sei Fachwerk nicht mehr farbenfrohes Gestaltungselement gewesen, sondern notwendiges Übel, und die Fassaden seien schmucklos übergestrichen worden, ohne Balken und Fächer groß zu kontrastieren. Das Neunzehnte Jahrhundert habe nicht gerade in Farbe geschwelgt. Entsprechend zurückhaltend war die Farbpalette, aus der wir uns bedienen durften:

palette

Wie bitte? Hat da jemand „Heftpflasterfabrik“ gesagt? „Trabbi-Lieferfarben“? Nicht doch, nicht doch! Am Ende haben wir etwas an den Helligkeiten geschraubt, die braune Gesamtstimmung etwas relativiert und einen Kompromiss ausgehandelt, mit dem wir wohl leben können. Eine Visualisierung folgt hier in Kürze; wir sind selbst gespannt, wie das wirkt!

Ein Nebeneffekt des Termins war die Entdeckung  eines spannenden Details im Hausinneren durch den netten Herrn vom Denkmalschutz. Da könnte es nämlich – in einem gerade mal 200 Jahre jungen Haus – eine gotische Wand eines Vorgängerbaues geben. Die hätte dann locker 500 Jahre auf dem Buckel. Mit etwas Fantasie lassen sich links im Bild zwei diagonale Steinreihen erkennen, bei denen die Steine nicht mit der langen, sondern der kurzen Seite vermauert sind: Ein typisches Schmuckelement nordischer Backsteingotik. Jetzt muss erst mal die denkmalschützerisch-archäologische Infanterie ran, um die Sache genauer zu beleuchten. Auch dazu bald mehr.

So weit für den Moment. Die Baugenehmigung ist durch, und noch in diesem Herbst wollen wir das Dach abdecken, um die Last von der Fassade zu nehmen, dann die Frontseite Balken für Balken restaurieren. Uff, wie immer gilt auch hier: Neubauen wäre billiger und schneller… aber wir lieben das Haus schon jetzt innig und werden die morsche Hütte nicht abreißen!

 

 

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